Protest gegen die Entlassung der Vikarin Carmen Häcker.

Posted by: on Nov 23, 2011 | 10 Comments

Nachdem sie einen muslimischen Mann geheiratet hat will die Evangelische Landeskirche in Württemberg eine Vikarin nicht weiter ausbilden.

“Der Pfarrdienst ist ein ganzheitlicher Beruf, Spannungen durch grundsätzliche religiöse Differenzen im Pfarrhaus könnten in die Gemeinde hineingetragen werden”

sagte Kirchensprecher Oliver Hoesch dem Evangelischen Pressedienst. Indem sie die Vikarin zum 31. Dezember entlässt handelt die Landeskirche zwar entsprechend geltendem Recht, dennoch eröffnet die Entscheidung viel Raum für Kritik. Theologiestudierende der Berliner Humboldt Universität, die Mitglieder der Württemberger Landeskirche sind, wenden sich nun mit einer umfangreichen Protestaktion ebenfalls gegen die Suspendierung und Entlassung der Vikarin. Als einer von ihnen fasse ich diesen Fall als ein ernüchterndes Signal auf, das deutlich zeigt, wie fern sich Kirche und Lebenswelt ihrer Mitglieder und Mitarbeitenden stehen können.

Wir werden von uns hören lassen.

10 Comments

  1. Mirjam
    4. Dezember 2011

    Lieber Mathias,
    eine der wenigen eindeutigen Stellen zu dieser Problematik steht im 1. Korinther 6, 12-14:
    “Wenn ein Bruder eine ungläubige Frau hat und sie willigt ein, bei ihm zu wohnen, so entlasse er sie nicht. Und eine Frau, die einen ungläubigen Mann hat, und der willigt ein, bei ihr zu wohnen, entlasse den Mann nicht. Denn der ungläubige Mann ist durch die Frau geheiligt (…).” Und man könnte auch das Beispiel Jesu zitieren, der sich mit Fremden abgegeben hat und sogar die Samariter, die auch eine andere (wenn auch ähnliche) Religion hatten, positiv gesehen.
    Das Alte Testament ist ambivalenter, hier gibt es ein Verbot der Heirat mit fremden Frauen, andererseits aber stammen einige wichtige Frauen (die auch in Jesu Stammbaum auftauchen) aus anderen Völkern.

    Das sind die Stellen, die mir bisher einfallen – vielleicht gibt es noch andere?
    Gruß,
    Mirjam

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    • Max Aichele
      4. Dezember 2011

      Hi Mirjam,
      ich hab da mal ne Hausarbeit zu über die “Bethelsage”, wie ich sie betitelte, geschrieben. Hier kann man exegetisch gut nachweisen, dass eine fremde Gottheit, die an diesem Ort angebetet wurde, in den alttestamentlichen Gottesglauben integriert wurde. Erst später wurden dann Versuche unternommen, sich von anderen Völkern abzugrenzen indem man die Vermischung mitihnen und ihren Göttern verbat. An und für sich ist jedoch schon der Gottesname “Elohim” auffällig, der nämlich in der Pluralform steht, während wir ihn im singular übersetzen.

      Postet weiter fleißig. Vor allem Theologen sollten ermuntert sein, hier ihr Fachwissen anzubringen.

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  2. Johannes
    30. November 2011

    Zitat aus Christ&Welt: “Sie könnten auch zusammen beten, denn es sei ja derselbe Gott, an den sie sich wendeten.”

    Das hört sich nach einer Grundsatzfrage an, besonders wenn dies von einer angehenden Pfarrerin in den Raum gestellt wird.

    Meiner Ansicht nach, ist der Gott der Bibel ein anderer als der Gott der Moslems.

    Was meint Ihr?

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  3. Viktor W.
    27. November 2011

    “Lieber schwul als Moslem” – so ähnlich titelte Idea Spektrum einen Kommentar von Dominik Klenk in einer früheren Ausgabe. Mit dem neuen Pfarrdienstgesetz der EKD ist es möglich, dass ein homosexueller Pfarrer mit seinem Partner (gleiches gilt für die weibliche Form) im Pfarrhaus lebt. Es ist aber nicht möglich, dass eine Pfarrerin die Liebe ihres Lebens heiratet. Da geht doch irgendetwas nicht zusammen???!!!

    Ich plädiere dafür, das beides geht.

    Bei der Debatte sollte übrigens berücksichtigt werden, dass der Ehemann der besagten Vikarin ihrer Arbeit nicht im Wege steht und diese schätzt.

    Was demonstrierte die evangelische Kirche damit?
    1) Liebe geht über reines Dogma
    2) Es geht um Menschen und Beziehungen und nicht (allein) um Buchstaben und Gesetze
    3) Gottes Erlösungsangebot ist nicht exklusiv, sondern inklusiv.
    4) etc. pp.

    Die Bibel sagt meines Wissens nichts über ein Verbot der Heirat andersgläubiger Menschen (ich lasse mich gerne hierüber belehren. 2Kor 6,14 wird hier doch nur mit viel exegetischem Talent auf die Ehe bezogen werden, abgesehen einer entsprechenden Hermeneutik, die hierzu benötigt wird).

    Samuel, kannst Du einen Brief an die Landeskirche formulieren, der von Befürwortern einfach unterzeichnet bzw. selbst per Mail versandt werden kann? Am besten gleich mit entsprechender Email-Adresse.

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  4. Nina
    27. November 2011

    Lieber Matthias, lieber Georg. Der Oberkirchenrat hat soweit ich weiß mit KEINEM Wort mit der Bibel argumentiert! Auch nicht mit einem lutherischen Dogma, sondern mit einem Paragraphen. Ich fände es super, wenn ihr hier die biblische Fundierung anbringen könntet.

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  5. Georg
    27. November 2011

    Was hat denn das mit Vergebung zu tun?
    Wenn es um Vergebung ginge, wäre doch zumindest Reue/Buße und Umkehr eine Voraussetzung, und davon kann ja offenbar nicht die Rede sein.

    Matthias bringt es schön auf den Punkt – wenn Kirche nicht mehr Gewißheiten sondern Beliebigkeit verkündigt, in Wort und Tat, dann wird sie überflüssig.
    Wer einen religionsneutralen Sozialverein will, soll der AWO beitreten.
    Kirche aber ist an den Vater Jesu Christi gebunden, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Und kein mißverstandener Prophet und Vorläufer Mohammeds.

    Wer aus der Kirche austritt, weil sie Kirche ist, kein belangloser Toleranzverein, soll eben gehen. Da war dann wohl das Ein-/Übertrittsmotiv wohl schlecht fundiert.
    In der ev. Kirche gilt das sola scriptura – gerade gegen Menschenweisheit.

    BTW, wer nicht das Gespräch sucht und nicht mal einen Antrag auf eine Ausnahmeregelung stellt und dann stattdessen die säkular-antikirchliche Presse vor seinen Karren spannt, hat mein Verständnis nicht.

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    • Max
      27. November 2011

      Hi Georg, hi Matthias,
      das ist in der Tat die erste sinnvolle Argumentation, die ich in den Blogs lese. Ich teile die Meinung, dass die Kirche ihre Relevanz für die Gesellschaft verliert, wenn sie sich ihr beliebig anpasst, nur um “gut auszusehen.” Doch gewisse Anpassungen an die Gegenwart sind, das zeigt die Geschichte, überlebensnotwendig für die Kirche. Ich erinnere an das Frühchristentum, das sich in den ersten 300 Jahren Kirchengeschichte erst einmal “formieren” musste, die Kirche sah sich gezwungen auf die Anfechtungen ihrer Zeit zu reagieren und Grundsätze festzusetzen, einen biblischen Kanon zu erstellen, etc. All das musste erst nach und nach MIT DER ZEIT erarbeitet werden. Auch die Reformation war im Grunde eine Anpassung der an die Gegenwart, die sich nach meiner Auffassung auch stark der Scholastik verdankt. Die letzte herausragende Anpassung an ihre Zeit machte die Kirche, als sie Mitte des 20. Jhdt. auch Pfarrerinnen ordinierte. Daraus schließe ich, dass die Kirche im Wandel der Zeit immer wieder herausgefordert ist, ihre Grundsätze zu überarbeiten und zu modifizieren. Die Kirchengeschichte zeigt aber auch, dass die Kirche, wenn sie bestimmte Grundsätze verlässt, auch zum Verräter ihrer eigenen Tradition macht. Ich verweise hier auf die Ereignisse im zweiten Weltkrieg, in der die evangelische Kirche sowie die katholische Kirche, abgesehen von Strömungen wie der Bekennenden Kirche, keine gute Figur gemacht hat. Ich schließe daraus, dass die Kirche, wenn sie ihren Auftrag ernst nimmt und sich nicht zum Verräter ihrer eigenen Tradition machen will einerseits ihre Werte verteidigen muss, andererseits muss sie, wenn sie für ihre Wahrheit in ihrer Gegenwart einstehen will (Luther: “hier stehe ich und kann nicht anders!”), ihre Grundsätze immer wieder neu überdenken muss. Ich bitte da doch nochmal gründlich zu überdenken, ob die Kirche ihren Grund so völlig verlässt, wenn eine Pfarrerin einen “Nichtchristen” heiraten darf. Ich frage mich wirklich, ob es da nicht GANZ ANDERE WERTE, die hier dringend zu verteidigen sind als diesen fragwürdigen Paragraphen. In unserem Theologiestudium wird vorausgesetzt, dass wir uns mindestens einmal in unserer Studienzeit mit einer nichtchristlichen Religion auseinandergesetzt werden. Auch sonst dürfen wir die liberalsten Gedankengänge durchdenken, nicht zuletzt stellt die Taizebewegung eine ernst zu nehmende Größe innerhalb der Kirche dar. Für mich passt dieses Kirchendogma nicht mehr in die heutige Zeit. Es passt nicht zu einer Kirche, deren Theologie sich von fundamentalistischer Oberflächlichkeit abzuheben sucht. Wir werden zu einem liberalen, selbstständigen, dialogfähigen Denken in unserem Studium herangezogen (ich halte das für eine der Stärken der evangelischen Kirche!). Und nun sollen wir dieses liberale, selbstständige, dialogfähige Denken über Bord werfen, wenn es um den konkreten Lebensvollzug geht? Nach dem Motto, liberal Denken, aber nicht liberal Leben? Für mich unaufrichtig und letztlich auch unprotestantisch, entmündigend. Für mich steht demnach fest, dass die evangelische Kirche hier ihre lutherischen Qualitäten auf Spiel setzt, wenn sie an diesem Dogma, das noch nicht einmal biblisch fundiert ist, festhält. Liebe Grüße Max

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    • Falke
      21. Januar 2012

      Ein wenig OT:
      Muhahahaah!. Selten so gelacht.
      “In der evangelischen Kirche gilt das sola scriptura”, sagt Georg – vielleicht in DEINER Gemeinde.
      Aber ansonsten gilt in diesem Verein kaum noch was vom guten alten Luther :-)

      Völlug unverständlich, wie die meisten Kirchenoberen in Württemberg in Allah und Jahwe ein- und denselben Gott erblicken, applaudieren, wenn Imame ausgebildet werden und Dialog betreiben, gemeinsam Koran und Bibel reziteiren und hier und dort auch schon gemeinsam beten – da wird doch wohl eine Viakrin noch einen Muslim heiraten dürfen …

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  6. Anita
    27. November 2011

    Lieber Matthias,

    Gegenthese: Relevanz entsteht durch Glaubwürdigkeit. Vergebung predigen und seine Vikarinnen feuern ist nicht glaubwürdig.

    Ich bin zur evangelischen Kirche konvertiert, weil ich eure Toleranz bewundert habe. Sollte sich rausstellen, dass die Vikarin tatsächlich gefeuert wird, wäre das für mich ein Grund auszutreten.

    Was, wenn es anderen auch so geht, die Relevanz der EKD mehr gefährdet als die Akzeptanz einer interreligiösen Ehe.

    Grüße
    Anita

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  7. Matthias
    27. November 2011

    Hi Samuel,

    was sagt denn die Bibel dazu? Ist nicht die Bibel eher für uns Protestanten eine Richtschnur als die “Lebenswelt der Mitglieder”?

    Die Menschen suchen doch in der Kirche geistliche Orientierung. Die Leute, die gegen eine klare Orientierung der Kirche protestieren, sind die Totengräber der EKD.

    Eine Kirche, für die die “Lebenswelt der Mitglieder” eine höhere Bedeutung hat als die Dinge, die die Kirche verkündigen soll, hat keine Relevanz mehr. Relevanz entsteht nicht durch Anpassung, sondern durch Orientierung in einer orientierungslosen Zeit.

    Und damit wäre die Kirche auch letztendlich relevanter für die Lebenswelt der Menschen.

    Lieben Gruß,
    Matthias

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