Sehr geehrter Herr Landesbischof.

Foto: Samuel Raub
Heute ist in der Wochenzeitung Christ & Welt ein offener Brief an Landesbischof July erschienen, der von drei Mitstudierenden und mir verfasst wurde. Er betrifft den Fall der Vikarin Carmen Häcker, die wegen ihrer Heirat mit einem muslimischen Mann suspendiert wurde und zum 31. Dezember 2011 entlassen wird. Hier nun der Text aus Christ und Welt zum nachlesen.
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Sehr geehrter Herr Landesbischof,
wir wenden uns als Studierende der evangelischen Theologie enttäuscht an Sie. Wie die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Württemberg mit der Vikarin Carmen Häcker und ihrem muslimischen Ehemann Monir Khan verfahren ist, können wir nicht hinnehmen – auch im Hinblick auf unsere Zukunft als mögliche Vikare unter ihrer An-Leitung.
Wir sehen Carmen Häcker entmündigt. Mit Ihrer Entscheidung, die Vikarin aufgrund ihrer Ehe mit einem nicht christlichen Mann zu entlassen, stellen Sie das Pfarrergesetz über die Berufung von Frau Häcker und sprechen ihr diese ab. Sie nehmen ihr die Zukunftsperspektive, indem Sie ihr jegliche weitere Ausbildungsmöglichkeit zur Pfarrerin versagen.
Wir sehen Monir Khan entmündigt. Er wurde nicht in den Ablauf des Verfahrens einbezogen. Haben Sie sich jemals kennengelernt? Wir fürchten, dass hier mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen wurde. Würden Sie Anstoß daran nehmen, wenn der Partner von Frau Häcker als Topmanager eine Siebentagewoche hätte? Oder im Schichtdienst in einem Krankenhaus arbeiten würde? Er wäre wohl nicht verfügbar für gemeindliches Engagement. Monir Khan hingegen zeigt großes Interesse an der Berufung seiner Frau. Das Pfarrergesetz stellt Menschen in der Situation von Frau Häcker, für die Sie als kirchlicher Arbeitgeber besondere Verantwortung tragen, vor eine Entscheidung, die so unmöglich zu treffen ist. Partner, von denen mindestens einer in den kirchlichen Dienst berufen ist, sollen durch ihre Liebe für ebendiesen auch in der Arbeit befähigt, gestärkt und inspiriert werden.
Der Paragraf jedoch, der Frau Häcker zum Verhängnis geworden ist, verkehrt die positive Wechselwirkung zwischen Liebesbeziehung und Berufung ins Gegenteil. Entweder Beziehung oder Berufung wird dadurch zu einer schweren Last. Die gelebte Beziehung schließt die gelebte Berufung aus – oder umgekehrt. Dabei muss gerade die Kirche darauf achten, dass ihr Recht zum Wohle aller von ihm Betroffenen dient.
Im Fall von Carmen Häcker sind wir überzeugt, dass die Nichtanwendung der im betreffenden Paragrafen 19 durchaus vorgesehenen Ausnahmeregelung weder zum Wohl der Eheleute noch zum Wohl der Kirchengemeinde Altenmünster beiträgt, und fragen uns: Wer, wenn nicht die Kirche, soll in der Lage sein, sich mitten in die interkulturelle und interreligiöse Realität unserer Zeit zu stellen? Dorthin, wo die Menschen, die Sie erreichen wollen, längst stehen.
Mitten in der Lebenswelt der Gemeindeglieder sollte das Pfarrhaus Vorbild sein. Unserer Meinung nach jedoch sicher nicht durch die Inszenierung der heilen, monokulturellen Welt mittels Kirchenleitung, vielmehr aber durch wahrhaften und ehrlichen Umgang mit Herausforderungen, vor die wir alle gestellt sind.
Wir fragen uns, was Ihr wahrer Grund, Ihre Motivation für diese Entscheidung ist. Der Verdacht drängt sich auf, dass die Begründung Ihres Urteils vorgeschoben ist, Sie sich vielleicht sogar hinter geltendem Recht verstecken – aus Angst. Und ehrlich gesagt wissen wir noch nicht einmal, wovor Sie genau Angst haben. Am ehesten vielleicht vor denen, die noch mehr Angst haben als Sie selbst. „Was werden wohl die Leute sagen?“, müssen Sie sich gefragt haben. Oder ist es das Fremde, das Sie zurückschrecken lässt und zu dieser kleinmütigen Entscheidung führen konnte? Die Unsicherheit, die eine solche Partnerschaft mit sich bringt?
Wir dagegen zollen Frau Häcker und Herrn Khan großen Respekt, dass sie das Wagnis einer transkulturellen und religionsverschiedenen Ehe eingehen, obwohl sie sich bewusst waren, welche Konsequenzen ihr Mut haben könnte. Diese Entscheidung zeugt von großer Stärke – und von großer Liebe. Denn selbstverständlich wird es eine große Herausforderung sein, diese Ehe zu meistern – wie jede andere Ehe auch. Denn welche Beziehung ist schon krisenresistent? Ihre vielleicht? Jedenfalls trägt Ihre Entscheidung dazu bei, dass Ehen zwar nicht krisenfester, dafür aber kirchenresistenter werden.
Der Fall von Carmen Häcker und Monir Khan ernüchtert. Anstatt als Kirche mutig über gegenwärtige interkulturelle und interreligiöse Herausforderungen in unserer Gesellschaft hinauszuweisen, zeigt sich die Evangelische Landeskirche in Württemberg scheu gegenüber der aktuellen Realität. Mit dieser allerdings sehen sich die Menschen konfrontiert, die sich der Kirche anvertrauen.
Es ist zu spät, Ihr Urteil zurückzunehmen.
In der Kirchengemeinde Altenmünster hat Frau Häcker keine Zukunft mehr. Entschuldigen Sie sich aufrichtig. Treten Sie mit dem Ehepaar in Dialog und erarbeiten Sie gemeinsam eine Lösung, wie Frau Häcker ihre Ausbildung abschließen kann. überdenken Sie das Württembergische Pfarrergesetz. ändern Sie Paragraf 19.
In der Hoffnung auf eine Zukunft, in der wir mit voller überzeugung als Ihre Mitarbeitenden die württembergische Landeskirche bereichern können.
Maximilian Aichele, Hannes Leitlein, Samuel Raub und Nina Roller für eine Gruppe evangelischer Theologiestudenten der Humboldt-Universität zu Berlin

7 Comments
Biggi
13. Januar 2012Was für eine große Chance wird durch solch einen Rauswurf vertan. Die Chance der Versöhnung, des guten Miteinander zweier Religionen-wie wir sie doch auch in der Gesellschaft leben sollten.
Welch große Botschaft wird dadurch vernichtet….ja ich frage mich auch-wer hat hier wirklich ein Problem damit?
Es gibt ein ganz tolles Projekt von Tina Turner,bekennend zum Buddhismus, einer Christin und einer??Die Cd heißt:Children beyond, with children united in prayer. Sie singen und beten mit Kindern versch. Religionen und zeigen ihnen wie wertvoll Beten und Singen,Meditieren sind. ja in diesem Projekt wird so deutlich was Religion eigentlich für uns Menschen sein kann und sollte. Eine Hilfe zum Leben und nicht ein Fundamentalismus,ein Kämpfen der Religionen gegeneinander..nein sicher nicht.
Ich wünsche unserer Kirche und allen Kirchen den Mut dieser Kinder und der Erfahrung dieser Kinder mit diesen drei tollen FRauen. Sowie den Mut und den Glauben, wie sie die beiden Eheleute zeigten indem sie soviel Toleranz vorleben wollten und sicher auch weiter tun..
Ich wünsche mir,dass diese Cd eine Pflichtlektüre für die REligionen wird und so wir Erwachsene vielleicht über die Kinder lernen endlich aufzuhören so intolerant und dogmatisch-tod unseren Glauben zu leben und zu predigen..
Gr biggi
Charlotte
15. Dezember 2011Bin rein zufällig hier gelandet und kann nur sagen es beruhigt mich, dass es in der evangelischen Kirche auch Stimmen wie die dieser Studenten gibt. Nichts desto trotz war dieses Signal der Kirche für mich ausschlaggebend um die Kirche offziell endgültig zu verlassen. Mit so einem intoleranten Haufen will ich nichts mehr zu tun haben. Dann investiere ich Zeit und Geld doch lieber in einen Kulturverein :-)!!!
Das kann ich dieser Vikarin auch nur raten – bestimmt gibt es viele Freikirchen, die sie und ihren Ehemann mit offenen Armen aufnehmen.
Christian
6. Dezember 2011Ich empfinde den Brief nicht als Anmaßung.
In einer (modernen) Zeit in der sich unter anderem die christliche Kirche (und nicht nur die) sich erlaubt, zu jedem Thema eine Meinung abzugeben sollte dass auch anders rum passieren dürfen.
Des weiteren gibt es in Deutschland das Recht auf freie Meinungsäusserung.
Wenn die Studenten sich entscheiden diese Meinung zu äussern ist dies zu respektieren und nicht abfällig und anonym im Internet einfach so zu verurteilen.
Das muss niemandem schmecken aber dass muss die Entscheidung der EV-Kirche in WB ja auch nicht.
Ich finde es verdammt mutig von den Studenten in ihrer Position so öffentlich die Meinung zu vertreten.
Vor ein paar Jahrunderten war auch mal jemand verdammt mutig und hat seine Meinung “protestierend” kundegetan…. vielleicht weiss man ja wen ich meine.
alles gute!
Anderer Daniel
4. Dezember 2011Vier Punkte rufen mich hier auf den Plan ebenfalls meine Stimme zu erheben:
a) [...]
b) Sollte sich das Ganze tatsächlich so unbegründet vollzogen haben, wie im Artikel beschrieben- dass ich selbst nur diese Seite der Darstellung kenne, muss an dieser Stelle betont werden! -, dann ist diesem frischgebackenen Ehepaar, das hiermit nachträglich beglückwünscht sei,Unrecht geschehen.
c) Ferner war dann der Verursacher dieses Unrechts eine unserer Landeskirchen (zumindest eine ihrer höheren Verwaltungsstellen), die als Institutionen zwar zu separieren sind von der christlichen Religion (sakrosanter der “unsichtbaren Kirche”) an sich (falls es soetwas überhaupt gibt), allerdings in der Öffentlichkeit stets mit ihm identifiziert werden. – Was im Übrigen gar nicht so verkehrt ist, da diese “Institutionen” ihren Sinn verfehlen bzw. verlieren, j e d e s m a l w e n n sie sich zu sehr ihren christlichen Prinzipien entledigen.
Das damit diesem kirchlich organisierten Christentum, dem – meiner Meinung – aus guten Gründen der Vorzug vor einer dumpfen Religiosität im Allgemeinen gegeben wird, die als bloße(!) Individualreligion nicht über den Tellerrand schaut und deshalb weder über den eigenen Schatten springen kann, noch sich ihrer “blinden Flecken” bewusst werden kann und damit immer eine unkonkrete oberflächliche “Idiotenreligion” (Freund Hegel) bleiben muss, wieder einmal gesellschaftlich Schaden zugefügt wurde ist ziemlich eindeutig.
Obiges gilt im Übrigen für jedwede organisierte Religion! Deren Gegner werden – möglicherweise zurrecht – dies anscheinende Fehlverhaltens erneut als Grund gegen alle organisierte(n) Religion(en) proklamieren… Jetzt stehen wir da wie die Idiotenreligion!
d) – Wie Daniel. Zu dessen Kommentar, wie durch S.R.erbeten, ich noch einmal Bezug nehmen möchte:
Du – wer sich mit Vornamen einträgt akzeptiert, egal wie konservativ, stillschweigend das Du! – hast sicher bemerkt, dass ich mich mit großer Vorliebe zu den Liberal-Intellektuellen zähle, für die kein Platz in deiner Kirche ist.
Schade nur, dass wesentlich triftigere Gründe aus dem, den Konservativen besonders heiligen Schriftmaterial den Verweis auf “kirchliches Recht” wie eine üble Karikatur des Christentums darstehen lassen. Ich habe keine Lust wild mit Schriftzitaten um mich zu werfen, auch wenn das möglicherweise einen größeren Eindruck auf dich machen würde. Stattdessen wähle ich, hübsch liberal, den Weg über Gewissheit und Erfahrung:Gestern habe ich in Nottingham Händels Messiah gehört und musste feststellen, dass eine life performance noch einmal viel deutlicher macht, was er uns – ausschließlich mit Bibelzitaten – da an den Kopf wirft und was die generelle Botschaft des Christentums und noch einmal im besonderen die Weihnachtsbotschaft ist: Gnade vor Recht! Und zwar göttliche Gnade vor göttlichem Recht. Um wieviel mehr sollen dann wir …? Und wie häufig sollen wir nochmal …?
“Kirchliches Recht” ist ein Schlag ins Gesicht des imaginierten Gotts in der Krippe. – Na denn, fröhliche Weihnachten. “GOOD WILL TOWARS (WO)MEN…”
[Liebe Leser*innen, dieser Kommentar wurde von mir gekürzt und verändert. Bitte diskutiert sachlich und in angemessener Sprache. S.R.]
Mirjam
4. Dezember 2011Vielen Dank für diesen Brief! Ich war entsetzt, als ich von dieser Entscheidung hörte, und wollte es erst nicht glauben. Aber ich bin froh, das der Vorfall nicht unkommentiert bleibt, sondern deutlich wird, dass es in der Kirche auch andere Stimmen gibt. Hoffen wir, dass Frau Häcker ihr Vikariat in einer anderen Landeskirche fortsetzen kann!
Robert Voss
4. Dezember 2011Ich kann dem Artikel inhaltlich nur voll und ganz zustimmen. Die Kirche muss mit den gesellschaftlichen Veränderungen mitgehen und nicht starr auf alten Regelungen verharren. Dann verliert sie auch nicht mehr so viele Mitglieder.
Daniel
2. Dezember 2011Eine Anmaßung ohne gleichen von diesen Theologiestudenten. Der Bischof hat absolut richtig gehandelt. Und entmündigt ist Frau Häcker keineswegs, wird sie doch bloß mit dem kirchlichen Recht behandelt, dem sie selbst absolut freiwillig und bewusst zugestimmt hat, als sie diese Ausbildung begann. Die Regeln der Firma gelten. Haltet euch daran, oder geht. Doch diese “Firma” hat Prinzipien, die nicht für jeden modernen interkulturellen … gebrochen werden!
[Liebe Leser*innen, dieser Kommentar wurde von mir gekürzt und verändert. Bitte diskutiert sachlich und in angemessener Sprache. S.R.]