Gewissensbisse

Foto: Samuel Raub
Für die aktuelle Ausgabe der Studierendenzeitung der Humboldt-Universität UnAuf habe ich ein Thema kommentiert, das mir schon lange unter den Nägeln brennt: Es geht um die Mode, Produkte mit möglichst vielen Bio-Fair-Labels auszustatten.
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Deutschland erlebt einen der deutlichsten Konsumtrends der letzten Jahre. Und Berlin ist ganz vorne mit dabei. Wer hier ein Produkt unter die Leute bringen will, sollte möglichst viele Siegel auf der Verpackung unterbringen. Diese müssen zeigen, dass das Produkt in der Herstellung niemandem weh getan hat, keine Chemie drin ist, seine Rohstoffe nachwachsen und es biologisch abbaubar ist. Kurzum: Ein Produkt ist dann nachhaltig, wenn die Natur gar nicht merkt, dass es entsteht, benutzt wird und wieder vergeht. Besonders deutlich ist diese Tendenz bei Lebensmitteln zu beobachten.
Das haben auch die Berliner Mensen kapiert. Auf den Speiseplänen findet man kaum etwas ohne Siegel: Fair gehandelter Kaffee, Gemüse aus ökologischem Landbau, besonders zärtlich gefangenen Fisch und Eier aus prämierter Haltung, bei der jede Henne mehr Platz hat als die Mensakassiererin an ihrem Arbeitsplatz. Es gibt an der Humbolt-Universität sogar täglich ein veganes Klimaschutzessen, bei dessen Herstellung wenig CO2 ausgestoßen worden sein soll. Schließlich isst das Gewissen mit.
Gegen all das habe ich nichts. Im Gegenteil: Jeder muss lernen vernünftig mit den ihm anvertrauten Ressourcen umzugehen und sich gewissenhaft gegenüber Mensch, Tier und Umwelt zu verhalten. Aber dabei geht es eben doch um mehr als die über 40 Bio-Fair-Vegan-Klimaneutral-Nachhaltigkeits-Siegel, die in Deutschland Waren zieren.
Zuweilen verführt das große Angebot an „nachhaltigen“ Produkten nämlich dazu, gerade nicht bewusst einzukaufen. Im Biomarkt um die Ecke offenbart die Branche ihre fragwürdigen Auswüchse: Mikrowellenlasagne in opulenter Plastikverpackung oder Bio-Äpfel aus Neuseeland. Darüber hinaus nimmt uns die schiere Masse an Siegeln jegliche Lust uns mit deren Kriterien auseinanderzusetzen.
Man sollte eher darüber nachdenken, wie man überhaupt konsumieren will. Dagegen, dass 50% der weltweit produzierten Lebensmittel niemals menschliche Münder erreichen, hilft auch kein Siegeldschungel, sondern nur angewandte Vernunft. Und die fängt für mich beim Offensichtlichen an. Zum Beispiel damit, dass ich meinen Mensateller nur so voll lade, dass ich ihn auch leer essen kann.

1 Comment
Gela
13. Februar 2012Hey Samuel,
du hast vollkommen recht, das wird immer unübersichtlicher. Und trotzdem ist es so schwer, wirklich transparente Produkte zu finden. Die Siegel haben alle unterschiedliche Standards. So kann man Produkte mit dem “FairTrade”-Logo kaufen, die 25% fairgehandelte Inhaltsstoffe enthalten. Ob sich das auf die ganze Handelskette oder nur einen Zwischenhändler bezieht, ist dann auch nicht klar.
Aber was soll man machen – ein neues Siegel einführen??